Ich zeig Eich mein Reich” – Inventur 2017

Unter dem Rah­men­the­ma „Wirk­lichkeit­ser­fahrun­gen und Lebens­ge­füh­le Jugendlich­er – Lit­er­atur von der Nachkriegszeit bis in die Gegen­wart“ behan­deln alle Deutschkurse des 12. Jahrgangs momen­tan Texte, die nach dem zweit­en Weltkrieg ent­standen sind. Dabei sollen dargestellte Lebenswel­ten und Erfahrun­gen ver­gle­ichend betra­chtet wer­den – sowohl zwis­chen unter­schiedlichen Tex­ten als auch zwis­chen diesen und der Lebenssi­t­u­a­tion unser­er Schü­lerin­nen und Schüler.

Köln 1945

Weil ger­ade die unmit­tel­bare Nachkriegszeit mit ihrer soge­nan­nten Kahlschlag- und Trüm­mer­lit­er­atur sehr fremd ist, hat sich der Kurs DE1eA diesem The­ma aus­ge­hend von Gün­ter Eichs Gedicht „Inven­tur“ (ent­standen zwis­chen 1945 und 46) und Robert Gern­hardts satirisch­er Anknüp­fung „Inven­tur 96 oder ich zeig Eich mein Reich“ (ent­standen 1997) mit eige­nen Par­al­lelgedicht­en genähert.

So sind viele reizvolle und inter­es­sante Texte ent­standen, die im Kon­trast zur Sit­u­a­tion des lyrischen Ichs in Eichs „Inven­tur“ zeigen, was Jugendliche heute prägt – und worüber sie möglicher­weise Inven­tur führen wür­den. Zwei beson­ders gelun­gene Beispiele sind hier veröf­fentlicht:

 

Inven­tur 2017 (Estelle Wöhrmann)

Dies ist mein Fernse­her,
dies ist mein Lap­top,
hier meine JBL-Box,
im weißen Holzre­gal.

iPhone:
Meine Musik, meine Fotos.
Ich hab die Rück­seite
mit ein­er Glitzer­hülle verse­hen

Gekauft online im Inter­net
mit der Kred­itkarte
meines Vaters
bei Ama­zon.

Im Klei­der­schrank sind
ein paar viele Klam­ot­ten
und einiges, was ich
nie­mand ver­rate,

son­st kauft mir jemand
die Sachen noch nach.
Das Flauschkissen hier liegt
zwis­chen mir und der weichen Matratze.

Den Schüler­ausweis
lieb ich am meis­ten.
Tags erspart er mir Euros beim Kinoein­tritt,
die nachts ich aus­gegeben.

Dies ist mein Con­ceal­er,
dies meine Wim­pern­tusche,
dies ist mein Spiegel,
dies ist mein Leben.

Inven­tur 2017 (Sarah Jor­dan)

Dies ist mein Früh­stück,
dies ist mein Out­fit-of-the-day,
dies ist mein Lip­pen­s­tift
in der Clutch aus Led­er.

Recy­cle­bar­er Star­bucks-Bech­er:
mein Frap­pu­ci­no, mein Choco­late Flavoured Lat­te,
auf die aufge­druck­te Lin­ie hat der Verkäufer
mit Edding meinen Namen geschrieben.

Geschrieben hier mit Edding,
verziert mit einem Herzchen,
das ich vor aller Augen
stolz im Netz präsen­tiere.

In mein­er dm-Tüte sind
ein paar neue Invis­i­bob­ble-Haar­gum­mis
und einige Schätzchen
die ich euch im neuen Haul vorstellen werde.

So dient mein Account
als meine Vis­itenkarte
der Ruhm und der Erfolg
zwis­chen mir und der Erde.

Meine Fol­low­er
lieb ich am meis­ten:
Tags schreiben sie mir Verse
die sie nachts von mir geträumt.

Dies nenn ich mein Leben,
dies nenn ich meine Arbeit
dies ist alles gepho­to­shoppt
dies ist alles durch Wer­bung finanziert.