Wie umgehen mit der Zeit? Dipl. Psych. Adelheid Kurth gibt Ratschläge

Stand: 20. März 2020

Lie­be Eltern, sehr geehr­te Erzie­hungs­be­rech­tig­te,
lie­be Schü­le­rin­nen und Schü­ler,

wir geben Ihnen heu­te einen Brief unse­rer zustän­di­gen Schul­psy­cho­lo­gin, Adel­heid Kurth, wie­der und bit­ten um Beach­tung. Blei­ben Sie gesund,

Ihr Tho­mas Neben­führ, OStD

Schul­lei­ter

Lie­be Eltern, wir alle erle­ben gera­de eine außer­ge­wöhn­li­che Situa­ti­on, die nie­mand sich vor­her hät­te vor­stel­len kön­nen. Unser gewohn­ter All­tag und der Ihrer Kin­der ver­än­dert sich im Moment radi­kal. Vie­le Men­schen, bestimmt auch vie­le Kin­der und Jugend­li­che, sind wahr­schein­lich durch die erfor­der­li­chen Maß­nah­men zur Kon­trol­le der welt­wei­ten Pan­de­mie ver­un­si­chert und füh­len sich mög­li­cher­wei­se ver­äng­stigt oder bedroht. Sie als erzie­hungs­ver­ant­wort­li­che Erwach­se­ne sind die­je­ni­gen, die im Moment ent­schei­dend zum Sicher­heits­ge­fühl und zum Wohl­erge­hen ihrer Kin­der bei­tra­gen kön­nen. Was kön­nen Sie tun, um ihre Kin­der zu unter­stüt­zen?

1. Informationen

Nicht nur wir Erwach­se­nen, auch die Kin­der und Jugend­li­chen haben im Moment vie­le Fra­gen. Das ist nor­mal. Wir Men­schen sind nicht so gut dar­in, mit Unklar­heit umzu­ge­hen. Die Gedan­ken begin­nen zu krei­sen. Wir fan­gen an zu grü­beln und uns Sor­gen zu machen. Infor­ma­tio­nen geben uns Sicher­heit. Kin­der kön­nen sich noch nicht vor­stel­len, was ein Virus ist und woher es kommt. Sie fra­gen sich, ob sie sel­ber oder ihre Fami­lie davon betrof­fen sind, wann die Schu­le wie­der anfängt, woher die Krank­heit kommt oder war­um die Groß­el­tern nicht besucht wer­den sol­len… Sei­en Sie für die Fra­gen ihres Kin­des auf­merk­sam und neh­men Sie sich Zeit, sie sach­lich und kind­ge­recht zu beant­wor­ten. Kla­re Infor­ma­tio­nen ver­rin­gern Grü­beln und Sor­gen und wir­ken Äng­sten ent­ge­gen. Eine gute Idee kann es z.B. sein, mit ihrem Kind zusam­men die Kin­der­nach­rich­ten im Fern­se­hen zu schau­en. Dort wer­den Kin­der sehr gut und ange­mes­sen infor­miert. Von zum Teil beun­ru­hi­gen­den Infor­ma­tio­nen aus dem Fern­se­hen oder dem Inter­net, die Kin­der nicht ein­ord­nen kön­nen, soll­ten Sie ihr Kind sorg­fäl­tig schüt­zen.

2. Struktur

Unver­hofft schul­freie Zeit ist für Schüler*innen zunächst etwas Posi­ti­ves. Schu­le ist aber auch ein Ort, der dem Leben von Kin­dern und Jugend­li­chen kla­re Ori­en­tie­rung und Struk­tur gibt. Halt und Sicher­heit sind in Zei­ten, in denen wir uns unsi­cher füh­len, beson­ders wich­tig. Geben Sie ihrem Kind Sicher­heit, indem sie die schul­frei­en Wochen gemein­sam pla­nen. Erhal­ten Sie so viel Nor­ma­li­tät, wie mög­lich, zum Bei­spiel, indem Sie ihre gewohn­ten Schlafens‑, Essens- und Auf­steh­zei­ten bei­be­hal­ten. Ent­wer­fen Sie mit ihren Kin­dern zusam­men einen Tages­plan, an den sich alle hal­ten. Las­sen Sie ihre Kin­der gleich­be­rech­tigt Vor­schlä­ge machen. Pla­nen Sie Ruhe- und Akti­vi­täts­pha­sen ein. Ver­tei­len Sie die Pflich­ten und Auf­ga­ben gerecht. Auf­ga­ben zu über­neh­men kann Kin­dern das gute Gefühl geben, wich­tig zu sein! Bau­en Sie auch eine schu­li­sche Übungs­zeit mit ein, aber stel­len Sie Ihre Erwar­tun­gen hier ruhig etwas zurück. Ein biss­chen zu schaf­fen, reicht im Moment aus. Struk­tu­rie­ren Sie die Medi­en­zei­ten ihrer Kin­der. Tref­fen sie hier­für kla­re Abspra­chen. Pla­nen Sie auch Spiel­zei­ten als wich­ti­gen „Pro­gramm­punkt“ mit ein. Wenn sie zusam­men eine gute Tages­struk­tur gestal­tet haben, bleibt weni­ger Zeit für Sor­gen und Grü­be­lei­en, eben­so für Lan­ge­wei­le.

3. Zusammen sein

Schu­le ist ein Ort, wo Kin­der und Jugend­li­che ihre Kon­tak­te pfle­gen. Gera­de der Kon­takt zu Freund*innen und wich­ti­gen Bezugs­per­so­nen soll nun in den näch­sten Wochen ein­ge­schränkt wer­den. Ihr Kind erlebt viel­leicht des­halb gera­de einen Ver­lust posi­ti­ver All­tags­er­leb­nis­se. Vie­le Kin­der reagie­ren in sol­chen Situa­tio­nen trau­rig oder auch schlecht gelaunt, gelang­weilt, unru­hig oder gereizt. Auch das ist in einer unge­wöhn­li­chen Situa­ti­on nor­mal. Ihr Kind ist im Moment viel­leicht noch mehr als sonst auf Sicher­heit in den Bezie­hun­gen zu den nahen Ange­hö­ri­gen ange­wie­sen. Sei­en sie als Eltern prä­sent und emo­tio­nal erreich­bar für ihr Kind, indem sie ihm zuhö­ren, Ver­ständ­nis zei­gen und sei­ne Bedürf­nis­se beach­ten. Hal­ten Sie zusam­men und geben ihrem Kind das Gefühl: „Wir sind bedin­gungs­los für Dich da, wir freu­en uns über gemein­sa­me Zeit mit Dir.“ Kon­takt zu wich­ti­gen Bezugs­per­so­nen kön­nen Sie im Moment durch Tele­fon oder soci­al media auf­recht­erhal­ten. Wenn man plötz­lich viel mehr Zeit als sonst gemein­sam ver­bringt, kommt es mög­li­cher­wei­se auch ver­mehrt zu Kon­flik­ten. Auch das ist nor­mal. Es kann hilf­reich sein, sich dar­auf ein­zu­stel­len. Set­zen Sie Prio­ri­tä­ten: Viel­leicht gelingt es Ihnen, schwie­ri­ge Situa­tio­nen zu dees­ka­lie­ren, indem sie ein­mal durch­at­men und erst reagie­ren, wenn Sie sich beru­higt haben. Viel­leicht ist es mög­lich, Zank und Strei­te­rei­en, die nicht all­zu wich­tig sind, ein­fach ein­mal zu ver­ta­gen? Hal­ten Sie zusam­men, indem Sie sich mit ande­ren Eltern, Nach­barn und Freun­den aus­tau­schen und sich gegen­sei­tig unter­stüt­zen.

4. Akzeptanz

Angst und Unsi­cher­heit sind nor­ma­le Reak­tio­nen auf eine außer­ge­wöhn­li­che Situa­ti­on. Wir Erwach­se­nen kön­nen unse­ren Kin­dern Sicher­heit ver­mit­teln, wenn wir sel­ber mög­lichst klar, ruhig, ver­nünf­tig und gelas­sen sind. Das fällt nicht immer leicht. Inve­stie­ren Sie sel­ber auch Zeit und Ener­gie in ihr eige­nes Wohl­erge­hen und ihre eige­ne Sta­bi­li­tät. Je siche­rer Sie sich sel­ber füh­len, desto leich­ter wird es auch ihr Kind haben, ver­trau­ens­voll in die Zukunft zu sehen und die Situa­ti­on so zu akzep­tie­ren, wie sie ist. Neh­men Sie alle, auch die pro­ble­ma­ti­schen Gefüh­le ihres Kin­des ernst, indem Sie dem Kind zei­gen, dass sie die Gefüh­le gehört und ver­stan­den haben. Akzep­tie­ren Sie die Situa­ti­on so, wie sie ist und ver­su­chen Sie nicht, dem Kind sei­ne Äng­ste oder Sor­gen aus­zu­re­den. Zei­gen Sie statt­des­sen Ver­ständ­nis für die Gefüh­le ihres Kin­des, ohne sie unnö­tig zu dra­ma­ti­sie­ren. Ver­su­chen sie gelas­sen und ein­fühl­sam zuzu­hö­ren. Sie kön­nen zusam­men über­le­gen, was kon­kret hel­fen könn­te, was Sie und ihr Kind tun könn­ten, damit es ihm mög­lichst gut geht. Kri­sen ber­gen oft Chan­cen, an die man ohne sie nie gedacht hät­te. Suchen Sie gemein­sam das Gute in der Situa­ti­on und ver­su­chen Sie, trotz Bela­stun­gen, sich Posi­ti­ves vor Augen zu füh­ren. Sei­en sie gedul­dig mit ihrem Kind und mit sich sel­ber.

5. Sport und Bewegung

Kin­der brau­chen Bewe­gung! Sich im Kör­per wohl zu füh­len ist wich­tig für die psy­chi­sche Gesund­heit. Bewe­gung und Sport redu­zie­ren Stress, hel­fen gegen Lan­ge­wei­le, machen Spaß, ver­min­dern Sor­gen und kön­nen gegen Depres­sio­nen schüt­zen. Im Moment fal­len übli­che Mög­lich­kei­ten für Bewe­gung weg, so dass Fami­li­en gefor­dert sind, krea­tiv zu wer­den. Wer Mög­lich­kei­ten hat, drau­ßen zu sein oder sich in der Natur auf­zu­hal­ten, soll­te die­se nut­zen. Auch in der Woh­nung kann man sich eini­ges ein­fal­len las­sen. Erin­nern sie sich an die eige­ne Kind­heit: Spie­len sie Ver­stecken oder machen sie Gym­na­stik oder den­ken Sie sich klei­ne Geschick­lich­keits­spie­le aus. Hier­zu gibt es im Moment vie­le lusti­ge Anre­gun­gen in den Medi­en. Was unse­rem Kör­per und unse­rer See­le auch gut tut: Das Lieb­lings­es­sen zube­rei­ten, ein Bad neh­men, einen Pur­zel­baum machen, es sich gemüt­lich machen, in der Son­ne sit­zen, genü­gend schla­fen…

6. Spiel und Spaß

So ernst die Lage auch sein mag: Nie­man­dem nutzt es, dau­er­haft Trüb­sal zu bla­sen. Bemü­hen Sie sich, Ihrem Kind Zuver­sicht und Hoff­nung zu ver­mit­teln, indem Sie nach Mög­lich­kei­ten und Quel­len von Freu­de und Genuss suchen. Hat Ihr Kind beson­de­re Inter­es­sen, Hob­bies, ist es gern krea­tiv? För­dern Sie die­se Akti­vi­tä­ten. Der All­tag birgt vie­le Mög­lich­kei­ten, gemein­sam etwas zu tun. Nut­zen Sie die posi­ti­ven Sei­ten der Lage. Über­le­gen Sie, was man alles zu Hau­se unter­neh­men kann. Backen Sie z.B. Kuchen oder spie­len Sie Gesell­schafts­spie­le. Zei­gen Sie Inter­es­se für die Medi­en ihres Kin­des. Das ver­mit­telt ihrem Kind einer­seits Ihr auf­rich­ti­ges Inter­es­se, ande­rer­seits haben Sie auch einen Ein­druck, womit ihr Kind beschäf­tigt ist. Las­sen Sie es damit mög­lichst nicht allein.

7. Etwas sinnvolles tun, Engagement

Alle Maß­nah­men, die unse­re Bewe­gungs­frei­heit ein­schrän­ken, die­nen dem Schutz von beson­ders gefähr­de­ten Bevöl­ke­rungs­grup­pen. Das ist eine posi­ti­ve gemein­schaft­li­che Akti­vi­tät unse­re Gesell­schaft und in vie­len Län­dern der Welt. Auch dort sind Fami­li­en und Kin­der betrof­fen. Es tut gut, etwas für ande­re zu tun, etwas tun zu kön­nen, wor­in wir einen Sinn sehen kön­nen und das uns das Gefühl gibt, wich­tig zu sein. Das schafft Ver­trau­en und Zuver­sicht. Auch klei­ne­re Kin­der kön­nen die­sen Soli­da­ri­täts­ge­dan­ken ver­ste­hen und stolz auf ihre Mit­hil­fe sein. Sich mit ande­ren posi­tiv ver­bun­den zu füh­len stärkt unser psy­chi­sches Wohl­be­fin­den. Spre­chen Sie mit ihrem Kind dar­über und tei­len sie die­sen posi­ti­ven Gemein­schafts­sinn mit­ein­an­der. Viel­leicht kön­nen Sie auch zusam­men hel­fen: Haben Sie älte­re oder kran­ke Nach­barn, für die sie mit ihrem Kind ein­kau­fen kön­nen? Möch­te Ihr Kind viel­leicht eine Post­kar­te an Oma schrei­ben? Gemein­sa­me Wer­te machen uns stark und stär­ken das Selbst­be­wusst­sein ihres Kin­des. Wen­den Sie sich auch im Rah­men der Coro­na-Kri­se bei psy­chi­schen Bela­stun­gen oder Schwie­rig­kei­ten im Zusam­men­hang mit schu­li­schen Fra­ge­stel­lun­gen ger­ne an die schul­psy­cho­lo­gi­sche Bera­tung.

Mit freund­li­chen Grü­ßen

Adel­heid Kurth, Dipl.-Psychologin

Schul­psy­cho­lo­gi­sche Dezer­nen­tin